Der Mythos “Above the Fold”: Scrollen im modernen Web

Einer der hartnäckigsten Begriffe im Webdesign-Jargon ist “Above the Fold” (über dem Falz). Der Begriff stammt aus der Zeit der gedruckten Zeitungen. Die wichtigsten Schlagzeilen mussten auf der oberen Hälfte der Titelseite stehen, damit sie am Kiosk sichtbar waren, wenn die Zeitung gefaltet auslag. In den frühen Tagen des Webdesigns wurde dieses Konzept auf den Bildschirm übertragen: Alles Wichtige musste sichtbar sein, ohne dass der Nutzer scrollen musste. Doch im Jahr 2025 hat sich das Nutzerverhalten so grundlegend geändert, dass die sklavische Einhaltung dieses Prinzips oft zu schlechtem Design führt.

Nutzer haben gelernt zu scrollen Die Angst, dass Nutzer Inhalte übersehen, die nicht sofort sichtbar sind, ist heute weitgehend unbegründet. Durch die Nutzung von Smartphones und sozialen Medien, die auf dem “Infinite Scroll” (unendliches Scrollen) basieren, ist das Scrollen zur zweiten Natur geworden. Es ist eine reflexartige Handlung. Sobald eine Seite lädt, beginnt der Daumen instinktiv zu wischen. Studien zeigen, dass Nutzer oft sogar beginnen zu scrollen, bevor die Seite überhaupt vollständig geladen ist. Das “Unter dem Falz” ist kein Niemandsland mehr, sondern ein Ort der vertieften Auseinandersetzung.

Der “Fold” existiert nicht mehr Das technische Problem mit dem Begriff ist, dass es den Falz gar nicht gibt. Auf welchem Gerät? Auf einem riesigen Desktop-Monitor? Auf einem Laptop? Auf einem Tablet? Auf einem kleinen Smartphone? Die Linie, ab der gescrollt werden muss, ist auf jedem Gerät anders. Ein Design, das versucht, alle wichtigen Informationen in die ersten 600 Pixel zu quetschen, wird auf vielen Bildschirmen überladen und chaotisch wirken.

Storytelling statt Stopfen Anstatt alles oben reinzuquetschen, nutzen moderne Designer den oberen Bereich (den “Hero-Bereich”), um Interesse zu wecken und eine Geschichte zu beginnen. Ein starkes Bild, eine klare Überschrift und ein einziger, deutlicher Handlungsaufruf reichen aus. Dieser Bereich dient als Teaser. Er muss dem Nutzer nicht alles sagen, er muss ihm nur einen Grund geben, weiterzuscrollen. Das Design sollte visuelle Hinweise geben – angeschnittene Bilder oder Linien, die nach unten führen –, die signalisieren: “Hier geht es weiter.” Modernes Webdesign ist kein statisches Plakat, sondern eine fließende Erzählung, die sich beim Scrollen entfaltet.

Untersuchungen von UX-Forschungsunternehmen wie der Nielsen Norman Group haben wiederholt gezeigt, dass Nutzer zwar dem oberen Bereich die meiste Aufmerksamkeit schenken, aber absolut bereit sind zu scrollen, wenn das Design sie dazu motiviert.

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